Schlüsselwerfers Darling

Das Smartphone als Autoschlüssel ist beim Carsharing gang und gäbe. Der Vorteil: Der Schlüssel kann digital übergeben werden. Mit der Flinkey-Box können Werkstätten ihrenKunden einen ähnlichen Service anbieten – ohne aufwendige Umbauten.

Sie haben es eilig, meiden den persönlichen Kontakt oder haben schlichtweg Arbeitszeiten, die nicht zu den Öffnungszeiten der Werkstatt passen: Die Klientel der notorischen und spontanen Schlüsselwerfer hat es schon immer gegeben, und schenkt man den Stimmen aus der Branche Glauben, nimmt ihre Zahl zu. Kommen die Kunden wieder alleine vom Fleck, ist der Fall erledigt. Doch was, wenn jemand ein Ersatzfahrzeug haben möchte und keiner vom Personal da ist?

Eine Möglichkeit, die Mobilität trotz verschlossener Werkstatttore sicherzustellen, bietet die freie Werkstatt Restemeier aus Osnabrück an. Sie setzt seit gut drei Monaten die Flinkey-Box ein, um ihre Ersatzwagen jederzeit zugänglich zu machen. Die Box macht in Verbindung mit der App den Autoschlüssel digital. Dazu wird der Funkschlüssel in ein schwarzes Kästchen gelegt, das im Auto verbleibt. Es sind keinerlei aufwendige Installationsarbeiten nötig – es wird einfach in das Fahrzeug gelegt. Auslöser für das Auf- und Zusperren ist das über Bluetooth verbundene Smartphone des Kunden. Ein mechanischer Taster drückt dann die entsprechende Taste auf dem Schlüssel. Wichtig ist: Pro Autoschlüsseltyp wird jeweils eine Box benötigt, da die Mechanik im Inneren exakt auf diesen Typ ausgerichtet ist. Boxen sind dabei für viele der gängigsten Schlüsseltypen verfügbar.

Damit das Ver- und Entriegeln funktioniert, muss zunächst die Werkstatt den Zeitraum einstellen, in dem die Box vom Kunden geöffnet werden kann. Anschließend wird ihm einfach der Link zur App sowie zur Aktivierung des Zugangs zugesendet. Die Konfiguration erledigen die Mitarbeiter von Restemeier bequem über das Firmen-i-Pad. Falls der integrierte Akku der Box – der laut dem Flinkey-Anbieter Witte Digital circa drei Wochen halten soll – leer sein sollte, kann sie an den Zigarettenanzünder angeschlossen werden. Verfügt das Fahrzeug zudem über ein Keyless- Go-System, kann der Schlüssel auch in der Box bleiben und muss nicht zum Starten herausgenommen werden. „Nicht für jeden Kunden passen unsere Öffnungszeiten“, sagt Geschäftsleiter Maximilian Stein. Gerade für die „Schlüsselwerfer“ ergebe sich durch die Box ein echter Mehrwert, der gerne angenommen werde. Außerdem unterscheide man sich mit diesem kostenlosen Service vom Wettbewerb. „Der Kunde merkt, dass wir flexibel auf seine Wünsche ein- gehen können“, betont Stein. Ihn haben vor allem die einfache Inbetriebnahme sowie die günstigen Anschaffungskosten für die Box überzeugt, die seine Werkstatt zu Endverbraucherpreisen bezogen hat. Einmalig wurden 29 Euro fällig, monatlich kommen 9 Euro hinzu.

Weller-Gruppe pilotiert

Auch die Weller-Gruppe möchte die Box in Kürze in einem ihrer Betriebe ausprobieren. Federführend hinter dem Projekt steht Shannon Hellmann, Leiter digitale Entwicklung bei der Handelsgruppe. Zunächst will er die Werkstattersatzfahrzeuge mit dem System ausrüsten. „Vor der Einführung gab es noch einige Szenarien mit unserer Rechts- und Versicherungsabteilung zu klären“, so Hellmann. Beispielsweise musste die Versicherung zustimmen, dass der Schlüssel im Auto verbleiben darf und dies nicht fahrlässig geschehe. „Da die Box als Schlüsseltresor zählt, war das allerdings relativ schnell erledigt“, sagt er.

Mit der Versicherung wird noch diskutiert, was im Fall einer gehackten Box geschehen soll. Ein Sprecher von Witte- Digital versichert, das System entspreche den aktuellen Sicherheitsstandards und ein Angriff sei sehr aufwendig. Auch in Sachen Nutzungsvertrag für das Ersatzfahrzeug musste im Vorfeld geklärt werden, wie der Kunde in den Vertrag einwilligt, da er ja nicht zum Unterschreiben vorbeikommt. „Er willigt künftig über die Nutzungsvereinbarungen der App ein“, erklärt Hellmann. Übersteht das System die Pilotphase, soll es in den Betrieben ausgerollt werden.

Wenn es so weit ist, möchte die Gruppe für das System eine eigene App mit Weller-Branding anbieten. Das soll über Schnittstellen, die die Flinkey- Betreiber zur Verfügung stellen, problemlos möglich sein. Im B2B-Bereich für größere Flottenkunden ruft Witte- Digital pro Box einmalig 180 Euro auf; die laufenden Kosten betragen 10 Euro. Der Tarif für B2B-Kunden umfasst dann neben der Möglichkeit, die eigene App zu programmieren, noch ein umfassenderes Organisations- und Nutzungstool.

Kreativ werden

Auch über die Nutzung jenseits des Ersatzwagen-Managements hat sich Hellman bereits Gedanken gemacht. So könne er sich vorstellen, das System für die Verwaltung der eigenen Fahrzeugflotte – etwa für ein Azubi-Auto – oder bestimmte Marketingaktionen einzusetzen. „Man kann hier sehr kreativ werden“, sagt Hellmann. Er erwägt auch einen Einsatz für den Hohl- und Bringservice, hat aber noch Bedenken, ob man den persönlichen Kundenkontaktpunkt dadurch aufgebe. Auch bei Restemeier gab es diesbezüglich Zweifel, da der Kunde, der den Service nutzt, quasi vollends von der Bildfläche verschwindet. 

 

Quelle: Jakob Schreiner, kfz-betrieb 29-30/2019 

 

 



© www.witte.digital   Donnerstag, 1. August 2019 10:35 Redaktion
© 2019 WITTE Digital, Alle Rechte vorbehalten. Impressum | Datenschutz | Datenschutzhinweise