Schlüssige Konzepte für die Automobilwelt

Klick. Kaum hörbar rastet das Türschloss ein. Klick. Auch die Kofferraum-Klappe schließt ohne lautes Geräusch – nicht etwa auf einem Parkplatz, sondern mitten im Showroom von Witte Automotive in Velbert, wo die verschiedenen Produkte ausgestellt sind – Schlösser und Schließsysteme für Auto-Klappen, -Türen oder auch -Sitze. Das Velberter Traditionsunternehmen beliefert unter anderem VW, Daimler, Volvo, BMW, Audi und Ford. Insgesamt wird ein Jahresumsatz (2017) von 670 Millionen Euro erzielt.

Daran war noch nicht zu denken, als Ewald Witte das Unternehmen 1899 gründete. Das Geschäftsfeld damals: die Herstellung von Kofferschlössern. Noch heute ist Witte in Familienbesitz: Rainer Gölz, Urenkel des Gründers, steuert als einer von drei Geschäftsführern das operative Geschäft der Firma, die mittlerweile 5.200 Mitarbeiter – davon rund 1.000 in Velbert – hat. „Er würde sich vermutlich verwundert die Augen reiben“, sagt Gölz auf die Frage, wie sein Urgroßvater wohl reagieren würde, wenn er heute sehen könnte, wie sich das Unternehmen in den knapp 120 Jahren seit der Gründung entwickelt hat. „Und er wäre vermutlich stolz.“

Wichtige Weichenstellungen

Ein Spaziergang war der Weg in die erste Liga allerdings nicht. „Es gab auch schwierige Zeiten“, sagt Gölz. Eine der wichtigsten Weichenstellungen nahm Eva Gölz – geborene Witte und Mutter von Rainer Gölz – vor, als sie 1962 als Geschäftsführerin ins Unternehmen kam. „Sie war überzeugt, dass investiert werden muss“, erinnert sich Rainer Gölz. Es floss Geld in neue Technik – unter anderem die Galvanik –, aber auch in neue Mitarbeiter. Die Wertschöpfungstiefe konnte so deutlich gesteigert werden. Diese Denkweise hat auch der heutige Geschäftsführer, der seit 2001 die Fäden in der Hand hält: „Gewinne bleiben im Unternehmen, um weiter wachsen zu können“, sagt der 48-Jährige, der nach erfolgreichem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens zunächst in einem großem Beratungsunternehmen tätig war. „Wir denken langfristig und strategisch, nicht in Quartalszahlen.“

Eine weitere wichtige Weichenstellung erfolgte 1992: Im tschechischen Nejdek wurde ein zweites Werk gegründet. „In Velbert war man zunächst wenig begeistert – befürchtete man doch den Abbau von Arbeitsplätzen“, erinnert sich Rainer Gölz. Das Gegenteil war der Fall. „Wir sind in einer sehr fordernden Branche tätig“, so der Geschäftsführer. „Der Wettbewerbsdruck ist hoch.“ Die Kunden erwarten nicht nur innovative, sondern auch kostengünstige Lösungen. Durch den Standort in der Tschechischen Republik konnte fortan anders kalkuliert werden. Dadurch profitierte auch der Stamm-Standort.

So regional verwurzelt das Unternehmen auch ist: Große Kunden erwarteten spätestens seit der Jahrtausendwende nicht nur eine weltweite Verfügbarkeit von Produkten, sondern auch Ansprechpartner vor Ort. „Ein Problem für ein mittelständisches Unternehmen wie uns“, sagt Gölz. Im Jahr 2000 ging man daher eine strategische Allianz mit Strattec (ansässig in Milwaukee, Wisconsin) ein, seit 2006 ist auch ADAC Automotive (Grand Rapids, Michigan) Teil dieser Allianz, die seither unter VAST Automotive Group firmiert, an gemeinsamen Standorten in Asien und Südamerika produziert und neue Produkte entwickelt.

Produkte werden immer komplexer

Und diese Produkte werden immer komplexer. „Früher haben wir Komponenten hergestellt“, sagt Gölz. „Jetzt produzieren wir zunehmend ganze Systeme wie Tür- oder Heckklappensysteme.“ Türaußen- und innengriffe, die mit 37 Prozent den Hauptumsatz ausmachen, sind längst keine rein mechanischen Bauteile mehr, sondern verfügen über komplexe Elektronik. Heckklappen öffnen und schließen mittlerweile vollautomatisch auf Knopfdruck und die Rückfahrkamera verschwindet, wenn sie nicht benötigt wird, spritz- und regenwassergeschützt hinter dem Herstellerlogo. „Man muss ein gutes Gespür für Markttrends haben“, sagt Rainer Gölz. „Man darf nie stehenbleiben, sondern muss mutig vorangehen.“

Solch einen mutigen Schritt ist das Unternehmen in diesem Jahr gegangen – den Schritt ins B2C-Geschäft mit einem neuen Produkt – dem flinkey (abgeleitet aus den Worten „to fling“ – zuwerfen und „key“ – Schlüssel). Bei flinkey liegt der Fahrzeugschlüssel sicher verstaut in einer Box im Fahrzeug. Diese kann dann von berechtigten Personen per App angesteuert und so das Fahrzeug geöffnet beziehungsweise verschlossen werden. „Es ist also nicht mehr notwendig, den Schlüssel weiterzugeben“, sagt Paul Meier, Direktor von Witte Digital. Der Clou: Der Schlüssel wird – anders als bei anderen Systemen – nicht zerstört, auch ein aufwändiger Einbau ist nicht erforderlich.

Derzeit wird ein virtueller Marktplatz aufgebaut: „So kann man bereits jetzt über die App eine einmalige Berechtigung an eine Firma geben, die den Innenraum reinigt, während es geparkt ist. Und auch mit Lieferdiensten, die Pakete im Auto deponieren können, sind wir im Gespräch“, sagt Meier. Auch private Car-Sharing-Modelle werden so möglich. Klick. Gölz öffnet ein Heckklappen-Schloss im Showroom. So überzeugt, wie er vom neuen Produkt flinkey ist, so wichtig ist ihm auch, dass die mechanische Basis weiter perfektioniert wird. „Was die Tür zuhält, ist kein Bit und kein Byte“, sagt er lächelnd. Klick. „Aber Bits und Bytes öffnen uns neue Wege!“


(Quelle: IHK magazin für Düsseldorf und den Kreis Mettmann, 11.2018, Philipp Nieländer) 

 



© www.witte.digital   Dienstag, 4. Dezember 2018 11:12 Redaktion
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